T-House-Tour: Musiktheater in Bewegung

Novoflot, T-House-Tour, Foto © Thomas Aurin

Novoflot, T-House-Tour, Foto © Thomas Aurin

Die T-HOUSE-TOUR ist keine Oper  oder Inszenierung im eigentlichen Sinne. Sie ist ein work in progress zu Fragen einer zukünftigen Unterwegs-Kultur.

In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, was er »kann«. In der Improvisation liegt die Stärke. Alle entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt werden.

 (Walter Benjamin)

Im Sommer, meist gegen Mitte Juli, machen die deutschsprachigen Theater Sommerpause. Fast zwei Monate lang steht der Betrieb still. Und selbst jenen, die eher selten die städtischen Theater- und Opernhäuser besuchen, fällt diese Lücke auf. Sie sprechen darüber, wie leer die Veranstaltungskalender aussehen, und manchmal fragen sie sich, warum die Künstler des Theaters über einen so langen Zeitraum von der Bildfläche verschwinden. Aber natürlich ist diese Pause verkraftbar, denn die Eröffnungspremieren der kommenden Saison sind bereits angekündigt – comme d’habitude. Und obwohl sich seit vielen Jahren Gegenteiliges ankündigt, ist der Glaube daran, dass der Vorgang vom Ende der Sommerpause sich stets aufs Neue wiederholen wird, fast ungebrochen.

Was aber geschähe, wenn in näherer (oder fernerer) Zukunft die subventionierten Kulturinstitutionen nach und nach von der Gesellschaftskarte verschwänden? Wenn der Repertoirebetrieb der Stadt- und Staatstheater eingestellt werden muss und die Häuser für frei produziertes Schauspiel, Musiktheater und Tanz ihre Probe- und Aufführungsräume anderweitig vermieten, weil keine Mittel mehr zur Verfügung stehen für den institutionalisierten Kulturbetrieb? Wie sieht er aus, der Kulturauftrag einer Gesellschaft, die mit den (vor allem in Deutschland gepflegten) Traditionen staatlich geförderter Kunst-, Musik-, Literatur- und Theatererfindung bricht, und das Feld (und ihre Häuser) kommerziell ausgerichteten Interessenten überlässt?

Reine Zukunftsmusik? Wohl kaum: Denn kein Tag vergeht, an dem nicht von der drohenden Schließung einer Kulturinstitution berichtet wird. Keiner, an dem nicht von Ensembleverkleinerungen die Rede ist, von Orchesterfusionen und außertariflichen Überlebensstrategien für an subventionierten Kulturbetrieben arbeitenden Künstlern. Die Frage nach der Zukunft des institutionellen Kulturbetriebs ist nicht neu. Und doch wird sie nicht mit wahrnehmbarem Nachdruck gestellt – geschweige denn, über Modelle eines zukünftigen, nicht-stationären Kulturbetriebs abseits von Festivalangeboten und Gastspielsystemen nachgedacht.

Mit seinem neuen Projekt T-HOUSE TOUR unternimmt Novoflot ab September 2014 einen Pilotversuch zu möglichen Formen und Strukturen eines Musiktheaters in Bewegung. Die T-HOUSE-TOUR ist keine Veranstaltung oder Inszenierung im eigentlichen Sinne. Sie ist ein work in progress zu Fragen einer zukünftigen Unterwegs-Kultur; zu musiktheatralen Präsentationsformen, die nicht auf die organisatorischen und räumlichen Bedingungen einer einzelnen Institution reagieren, sondern sich, je nachdem, wo sie in Erscheinung treten, verwandeln. Und dies in jeder Hinsicht.

Gemeinsam mit den Berliner GRAFT Architekten und der italienischen Bühnenbildnerin Annamaria Cattaneo hat Novoflot eine Theaterhausarchitektur entworfen, die auf dem Prinzip der Wandelbarkeit beruht. Bestehend aus Rahmenelementen, die sich in zahllosen Varianten zu vollkommen unterschiedlichen Raumstrukturen verdichten lassen, entsteht die Aufführungsarchitektur von Spielort zu Spielort neu. Novoflot versucht eine künstlerische und architektonische Reaktion auf jene Orte, an denen die T-HOUSE-TOUR zu Gast ist. Der Zeitraum für die Dauer der Tour ist offen. Sie beginnt als regionale Reise im Stadtraum von Berlin, sucht jedoch bereits jetzt nach Ausflugs-Möglichkeiten in andere Bundesländer und nach internationalen Spielorten.

Mit dem Titel des Projektes stellt Novoflot einerseits eine Verbindung her zu einer uralten Kulturhauskonzeption aus dem asiatischen Raum: dem Teehaus mit seinen sehr eigenen Definitionen von Gastgeberschaft, Ritual, Kontemplation und Gedankenaustausch sowie zu den raumphilosophischen Ideen der Teehauskultur, bei denen die landschaftliche Umgebung und die Wege zum Teehaus wesentliche Bedeutungsträger sind. Gleichzeitig ist das T-House ein transforming–house. Eines, dessen Architektur sich wandelt und das vor allem solche musikalischen und performativen Ereignisse beheimatet, die auf Erfindungsweisen der Improvisation beruhen.

In der Zusammenschau der zwei skizzierten Bedeutungen des Projekttitels entsteht das künstlerische Gesamtexperiment der T-HOUSE-TOUR: Während Novoflot einerseits Forschung betreibt auf dem Gebiet mobiler (und wandelbarer) Aufführungsstrukturen, transformiert es im Verlauf seiner T-HOUSE-TOUR gleichzeitig traditionelle (Repertoire-)Formen von Oper und Musiktheater im Sinne der oben erwähnten Aufforderung Walter Benjamins: In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, was er »kann«. In der Improvisation liegt die Stärke. Alle entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt werden. Entsprechend forscht Novoflot nach Möglichkeiten einer größtenteils improvisierten Opernform, die offen ist für unmittelbare Reaktionen der Mitwirkenden untereinander und für Interventionen durch Besucher und Zuschauer. Lediglich eine kleine Anzahl von aus der asiatischen Teehauskultur abgeleiteten Ritualen/Zeremonien werden im bekannten Sinne vorprobiert und bilden „inszenierte“ Inseln. Von ihnen aus starten die Mitwirkenden (Sänger, Schauspieler, Musiker, Tänzer, Videokünstler) in improvisierte Abschnitte und entscheiden je nach Entwicklung der Ereignisse, wann es Zeit ist, die festgelegten Inseln erneut anzusteuern.

Die Suche nach improvisierten Opernformen führt Novoflot zu einer sehr speziellen Besetzungsstruktur. So werden insgesamt nur vier Solisten und eine Videokünstlerin die Gesamtheit aller bisher festgelegten Performances vollständig bestreiten. Gemeinsam mit Michael Werthmüller (CH), der für alle Performances Uraufführungskompositionen entwickelt, agieren sie im Sinne der Teehaustradition als Gastgeber und empfangen, je nach Aufführungsstruktur, neben den Zuschauern stets neue künstlerische Gäste.

Als Gastgeber fungieren die Sängerin Yuka Yanagihara, der Schweizer Schauspieler und Musiker Raphael Clamer, die Videokünstlerin Karolina Serafin, der  Jazz-Posaunist Nils Wogram sowie die Tänzerin Ichi-Go. Für einzelne Aufführungssequenzen werden die Gastgeber von den Improvisationsmusikern  Conny Bauer (D), Lucas Niggli (CH),  Saadet Türköz (CH), Wu Wei (CHN), Ernst Surberg (D) sowie dem ensemble mosaik besucht.

Die unregelmäßig (und manchmal auch überraschend) auftauchenden künstlerischen Gäste werden zum Teil äußerst spontan auf die aktuell ablaufenden Ereignisse reagieren und das Geschehen entsprechend beeinflussen und in neue Richtungen verschieben. Dieses Moment des Unvorhersehbaren ist entscheidend für das Forschungsvorhaben der T-HOUSE-TOUR.

Seinen Tourauftakt erlebt das neue Novoflot-Projekt am 6. September in den Räumlichkeiten des Berliner Radialsystems V. Hier verabschiedet sich das Vorhaben gewissermaßen öffentlich aus der Institution und gibt erste Einblicke in die Arbeits- und Denkweisen des T-HOUSE-Experiments. Sechs Wochen später wird die mobile T-HOUSE-Architektur dann erstmals zusammengesetzt und gerät zwischen dem 16.- und 19. Oktober auf dem Vorplatz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum Schauplatz von vier sechsstündigen Performanceabschnitten, in denen erste Varianten einer improvisierten Opernform erlebbar werden. Weitere Stationen der T-HOUSE-TOUR: der Pariser Platz (vor der Akademie der bildenden Künste) im November, eine Brachfläche im Tiergarten (Dezember) und Ende Januar 2015 wiederum das Radialsystem, diesmal unter Einbezug der Außenflächen des Geländes.

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